17/05/26

Die Legende der grauen Mönche von Lindisfarne

Zweimal täglich gibt das Meer den Weg frei — und zweimal täglich nimmt es ihn wieder. Holy Island vor der Küste Northumberlands ist einer der geheimnisvollsten Orte Englands: Wiege des frühen Christentums, Schauplatz brutaler Wikingerüberfälle und Heimat vieler Legenden, die bis heute lebendig sind. Ein Besuch. Von Stefan Kruecken, Ankerherz
Holy Island Sunset

Es gibt Orte, die man nicht einfach besucht. Man wird von ihnen angezogen, wie Ebbe und Flut. Der Ort läßt einen danach nicht mehr los. So geht mir das mit Holy Island, Lindisfarne, vor der Küste Northumberlands im Nordosten Englands. Ich erinnere mich noch genau an die erste Reise, der viele folgen sollten.

Lindisfarne: Eine kleine Insel, die keine richtige Insel sein will. Zweimal täglich gibt das Meer den Weg frei, einen schmalen Damm, der Festland und Eiland verbindet. Zweimal täglich nimmt das Meer ihn wieder. Wer die Gezeiten nicht im Blick hat, muss warten. Wer nicht wartet, wird schnell ein Fall für die Seenotretter. Immer wieder müssen sie ausrücken, um Autofahrer in Seenot zu retten (HIER zum Beispiel). Da helfen anscheinend auch große, gelbe Warntafeln nicht.

Holy Island, ein friedlicher Ort

Rund 180 Menschen leben hier das ganze Jahr. Ein paar Pubs, eine Handvoll Straßen, und überall diese Weite: das Wattenmeer, der Wind, der Himmel. Holy Island ist wahrlich kein Ort für Eile. Es ist ein Ort, um Durchzuatmen.

635 nach Christus kam der irische Mönch Aidan auf diese Insel. Nicht weil sie schön war — obwohl sie das ist — sondern weil er von hier aus die Sachsen bekehren wollte. Er blieb. Andere kamen nach. Es entstanden ein Kloster und eine der bedeutendsten Stätten des frühen Christentums in ganz Britannien.

Die Wikinger kamen

Der berühmteste unter Aidans Nachfolgern war Cuthbert: Bischof, Einsiedler, Heiliger. Ein Mann, der lieber allein auf den sturmumtosten Farne Islands betete als Kirchenpolitik zu betreiben. 687 starb er dort, und seine Gebeine wurden nach Lindisfarne überführt. Fast zwei Jahrhunderte lang ruhte er auf der Insel.

Bis die Wikinger kamen.

Der 8. Juni 793 gilt als einer der dunkelsten Tage der englischen Geschichte. Nordmännische Langschiffe tauchten vor Lindisfarne auf. Das Kloster, Zentrum von Gelehrsamkeit und Gottesdienst, wurde überfallen, geplündert, niedergebrannt. Die Wikinger erschlugen die Mönche, trieben sie ins Meer oder verschleppten sie als Sklaven.

Die überlebenden Mönche flohen schließlich 875, die Gebeine Cuthberts nahmen sie mit. Eine jahrzehntelange Wanderschaft begann, die den Heiligen schließlich nach Durham führte. Wo er bis heute ruht. Aber ganz los wird Lindisfarne seinen berühmtesten Bewohner nicht. Denn es gibt diese alte Legende.

Die Legenden von Holy Island

Wenn der Wind aufkommt und die Wellen gegen die Felsen donnern, soll Cuthbert auf den Klippen nahe Hobthrush sitzen, einer kleinen basaltischen Landzunge östlich von Heugh Hill. Dort, so die Überlieferung, schlägt er mit dem Hammer seine berühmten Cuddy's Beads: versteinerte Stielglieder von Seelilien, die man gelegentlich am Strand findet, runde, knöpfchenartige Fossilien, die die Leute hier als Glücksbringer schätzen. Cuddy meint die nordenglische Koseform von Cuthbert.

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Schottlands Nationaldichter Sir Walter Scott hat dieses Bild in seinem Versepos Marmion verewigt: der gewaltige, dunkle Umriss des Heiligen im Sturm, der Hall seines Ambosses, der sich über die Insel legt. Geht es stimmungsvoller? Eher nicht.

Die Legende der grauen Mönche

Cuthberts Geist soll auch in den Ruinen der Priorei erscheinen. Einer alten Überlieferung zufolge soll er sogar dem jungen Alfred dem Großen, damals auf der Flucht, versichert haben: "Alles wird gut. Du wirst König sein." Alfred wurde ab871 König der West-Sachsen und 886 König der Angelsachsen. Ob er dabei an den alten Geist dachte, ist nicht überliefert.

Wer in der Abenddämmerung zum Damm hinüberläuft — dem Nadelöhr zwischen Insel und Festland — sollte kurz innehalten. Nicht wegen potentiell gestrandeter Autofahrer und den mutigen Rettern der RNLI.

Denn hier, so will es die Legende, sind manchmal Gestalten zu sehen: Grau gekleidet, lautlos. Die Geister der Mönche, die 793 starben. Sie sollen noch immer Wacht halten und noch immer auf die See hinausschauen.

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