Die Kollision wirkte so absurd, dass sofort Gerüchte aufkamen. Ein moderner Containerriese, der mit hohem Tempo und stundenlang auf geradem Kurs auf einen vor Anker liegenden Tanker kracht? Wie war das möglich? Manche spekulierten sogar über Sabotage. Doch die Ermittlungen zeigten: Das war menschliches Versagen der übelsten Art. (HIER findest Du die Geschichte im Ankerherz Blog).
Explosion und großes Feuer
Am 10. März 2025 lief das Containerschiff Solong mit nahezu 16 Knoten auf den ankernden Tanker Stena Immaculate auf. Die Wucht der Kollision löste erst eine Explosion und dann ein Feuer aus, das die Solong acht Tage lang brennen ließ. Das Schiff ging schließlich als Totalschaden verloren und wurde später zum Abwracken verkauft.

Die Menschen an der Ostküste Englands verbrachten bange Tage. Nur durch das schnelle und beherzte Handeln der Retter konnte eine Umweltkatastrophe verhindern.
Ein Besatzungsmitglied der Solong, der 38-jährige philippinische Seemann Mark Angelo Pernia, arbeitete im Vorschiffsbereich. Er gilt seit dem Aufprall und dem anschließenden Brand als tot; seine Leiche wurde nie gefunden.
"Pures Glück", dass nicht mehr Seeleute starben
Dass nicht weit mehr Menschen starben, bezeichnete die Staatsanwaltschaft im Verfahren als "pures Glück". Auf der Stena Immaculate befand sich ein Crewmitglied zum Zeitpunkt der Kollision hoch oben am Mast, um eine Lampe zu wechseln. Andere hielten sich nahe der Einschlagstelle auf. Alle 12 übrigen Seeleute der Solong sowie 23 Besatzungsmitglieder des Tankers konnten gerettet werden.
Am 2. Februar sprach ein Gericht im Vereinigtes Königreich den russischen Kapitän der Solong, Vladimir Motin (59), der fahrlässigen Tötung durch grobe Pflichtverletzung schuldig. Die Jury benötigte rund acht Stunden Beratung nach einem dreiwöchigen Prozess.
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Leitender Ermittler Craig Nicholson nannte das Unglück eine „schlichte, sinnlose Tragödie“. Nach Darstellung der Anklage funktionierte das Schiff technisch einwandfrei. Wer versagte, war der Kapitän. Motin habe das andere Schiff über mehr als 30 Minuten auf dem Radar sehen können. Dennoch reagierte er erst, als nur noch etwa eine Seemeile Abstand bestand.
Die Vorwürfe wirken in der Kombination nahezu absurd. Der Kapitän war allein auf der Brücke. Ein "Totmann-Alarm"– ein System, das bei ausbleibender Aktivität Alarm auslöst - wurde deaktiviert. Er reduzierte über einen langen Zeitraum nicht das Tempo. Er setzte keinen Notruf ab, ignorierte den Kollisionsalarm und machte nicht mal den Versuch eines Notstops. Trotz klarer Sicht erkannte er nicht, dass der Tanker ankerte.
Unglaubliche Fehlerkette
Der Kapitän gab vor Gericht ab, er habe geglaubt, der Tanker fahre langsam voraus. Später habe er ein Problem mit der Ruderanlage vermutet und versucht, diese zurückzusetzen. Erst als die Kollision unausweichlich erschien, habe er versucht, das Schiff vom Wohnbereich des Tankers wegzudrehen, um noch größere Opferzahlen zu vermeiden.
Ein weiterer entscheidender Punkt: Der Kapitän räumte ein, er habe den falschen Knopf gedrückt und damit nicht den Autopiloten deaktiviert. Neue Aufkleber auf den Bedienelementen hätten ihn verwirrt. Die Anklage hielt dagegen, dieser Irrtum hätte sofort auffallen und korrigiert werden müssen.
Das Strafmaß soll am 5. Februar verkündet werden. In Großbritannien kann dieses Delikt theoretisch mit lebenslanger Haft geahndet werden. Realistisch erscheint Beobachtern eine mehrjährige Gefängnisstrafe.


























