Der Frachter ist ein 79 Meter kurzer Rostbolzen, knapp fünfzig Jahre alt, der immer wieder wegen Sicherheitsmängeln in Häfen festgehalten wurde. Doch was in seinem Laderaum versteckt liegt, hat auf den Straßen Europas einen Verkaufswert von mehr als einer Milliarde Euro.
Die „United S.“ hat in Brasilien abgelegt und steuert in Richtung der Kanarischen Inseln. Dreihundert Seemeilen vor der Küste von La Palma rast ein Patrouillenboot der spanischen Marine heran; kurz darauf entert ein Sondereinsatzkommando der Polizei das Schiff und übernimmt die Brücke. 13 Crewmitglieder werden verhaftet.
Eine weiße Flut aus Kokain
„Marea Blanca“ heißt der Deckname der Operation, an der neben der spanischen Rauschgiftfahndung auch die amerikanische Anti-Drogenbehörde DEA und europäische Länder beteiligt sind. Übersetzt: „weiße Flut“. Warum, ist nach der Durchsuchung klar.
Knapp zehn Tonnen Kokain, verpackt in 294 Ballen, finden die Ermittler unter einer Schicht Salz. In der Geschichte Spaniens gilt dies als größter Drogenfund auf hoher See.
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Eine „weiße Flut“ aus Kokain rollt über den Atlantik auf Europa zu. Besonders die iberische Halbinsel wird immer häufiger das Ziel der Verbrecher: 13 Tonnen Kokain wurden im November 2024 in Algeciras entdeckt, versteckt zwischen Bananen – der größte Drogenfund in einem spanischen Hafen. Im Oktober 2025 fanden Zollbeamte sechseinhalb Tonnen auf einem kleinen Frachter.
Kartelle haben eigene Unterwasserboote
Die Kartelle operieren mit einer raffinieren Logistikkette. Der Stoff kommt aus Kolumbien, Bolivien und Peru und wird auf unscheinbaren Seelenverkäufern wie der „United S.“ verschifft; vor der Küste der Kanaren laden die Schmuggler die Ware dann häufig in Schnellboote um. Ein Teil geht an die Atlantikküsten im Süden, einer ins Mittelmeer (Ibiza, Mallorca), ein Teil ans spanische Festland.
Die Methoden sind vielfältig. Zuletzt stoppten die Fahnder ein Drogen-U-Boot, das knapp unter der Meeresoberfläche unterwegs war. Im August verhafteten sie in Portugal ein deutsches Ehepaar (66, 58), das seine Segelyacht mit Kokain vollgestopft hatte. Sogar unter dem Klappbett entdeckte man gepresste Blöcke.
Gewalt an Land nimmt zu
Zu den Folgen an Land gehört eine rapide Zunahme der Gewalt: Unter anderem Entführungen auf Gran Canaria, ein ermordeter Hafenarbeiter in Barcelona, Schießereien in Andalusien. Im Hafen von Barbate starben zwei Drogenfahnder, als sie ein „Narco“, ein Drogenkrimineller, mit seinem Schnellboot absichtlich überfuhr.
Spaniens Innenminister kündigte einen verstärkten Kampf gegen die Kartelle an, räumte aber auch ein, wie schwierig es sein wird, dieser Flut beizukommen. Zuversicht sieht anders aus.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star.“ Auf dem Foto trägt er den Kapuzenpullover Seemann, HIER zu haben.


























