11/04/26

Stefans Geschichten vom Meer: Stein im Brett

In Stefans neuer Geschichte des Meeres geht es um einen Kapitän, der nie aufgibt. Um einen Sack Schiffzwieback - und einen dicken Stein im Brett.
Stefan Kruecken und die Geschichten des Meeres

Der „Historic Dockyard“ in Portsmouth ist so etwas wie der heilige Ankerplatz für alle, die sich für Themen der See interessieren. Im spektakulärsten maritimen Museum der Welt liegen unter anderem die „HMS Victory“ aus der Schlacht von Trafalgar (1805) und die „HMS Warrior“, das erste gepanzerte Schiff der Royal Navy an den Piers.

Im schönsten Meeresmuseum der Welt

Im „Mary Rose Museum“ spaziert der Besucher staunend durch die Kulissen eines Schiffs aus dem 16. Jahrhundert, das Forscher aus dem Hafenschlick pulten und restaurierten. Überall auf dem weitläufigen Gelände entdeckt man Galionsfiguren, Denkmäler, Anker – wer das gesamte Areal besichtigen möchte, hat tagelang zu tun und noch immer nicht alles gesehen.

Ich fand einen dicken Stein in der Ecke eines Innenhofs besonders interessant.

Der Brocken stammt von Bord der „HMS Pique“, einer Fregatte, die im September 1835 den Hafen von Quebec in Kanada verließ. Als sie aus der Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms segelte, legte sich dichter Nebel über das Wasser. Das Segelschiff lief auf ein Riff und saß fest.

Erst als Kapitän Henry John Rous 20 der 36 Kanonen über Bord rollen ließ, ging die Reise weiter. Doch es dauerte nicht lange, bis das nächste Problem aufzog: schwerer Sturm. Die „Pique“ nahm jede Menge Wasser, und als sei die Lage noch nicht bescheiden genug, verabschiedete sich nach Wellenschlag auch noch das Ruder.

Matrosen schuften an den Lenzpumpen

Dem Kapitän blieb nichts anderes übrig, als die Segel zu trimmen. Was aber dazu führte, dass er nicht wie geplant Richtung England aufkreuzen konnte. Ein eilig gebasteltes Notruder hielt nicht. Die Schiffzimmerleute schufteten im Bauch des Schiffs rund um die Uhr, um die Lecks zu stopfen, während die Matrosen an den Pumpen malochten, damit das Schiff nicht absoff. Der Sturm tobte ohne Unterlass weiter.

Wie ein verprügelter Boxer taumelte die „Pique“ dennoch Seemeile für Seemeile weiter nach Osten und schaffte es in die Docks von Portsmouth. Der Hafeninspektor gab an, noch nie ein einlaufendes Schiff in solch desolatem Zustand gesehen zu haben. Sie hatte praktisch keinen Kiel mehr; an manchen Stellen waren die aufgerissenen Bodenwrangen nur noch papierdünn.

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Man entdeckte ein großes Loch, das durch einen Sack verstopft worden war. Einen Sack mit Schiffszwieback, der durch das Meerwasser aufgequollen war und wie ein Korken wirkte. Außerdem fand man einen großen Stein: Ein knapp vier Meter großes Souvenir des Riffs im Sankt-Lorenz-Strom. Der Stein hatte ein riesiges Leck mittschiffs versiegelt.

Nie die Hoffnung verlieren

Kapitän Rous, so lese ich, erhielt später eine Tapferkeitsmedaille und er scheint überhaupt ein lässiger Typ gewesen zu sein. Nach seinem Leben auf See widmete er sich dem Galopprennsport, dessen Regeln er grundlegend festlegte. In Australien hat man einen Fluss nach ihm benannt.

Resilienz ist ein großes Thema in unserer Zeit, die Gabe, weiterzumachen und nie aufzugeben. Wer nahe dran ist, die Hoffnung zu verlieren, möge sich an die „HMS Pique“ und ihren Kapitän erinnern. Ich wünsche mir, dass im kritischen Moment ein Sack Schiffszwieback zur Hand ist und der passende Stein im Brett.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.

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