Auszug: "Ein Kapitän wurde mit seinem unerschütterlichen Optimismus und Durchhaltevermögen für viele hundert Menschen in einer verzweifelten Lage zum Vorbild. Das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ hatte im Januar 2020 in Hongkong angelegt. Unter den Passagieren, die planmäßig ausstiegen, war ein Reisender, der sich nicht wohlfühlte. Grippeähnliche Symptome, wie sie immer mal vorkommen.
Doch dieser Krankenfall war alles andere als eine Erkältungsroutine, wie sich wenig später herausstellten sollte. Die Welt stand zunehmend unter Schock, weil sich das neue Coronavirus Sars-CoV-2 ausbreitete. Was man sonst nur aus Endzeitfilmen wie „Outbreak“ von Wolfgang Petersen kannte, war nun Realität. Krankenpersonal in weißen Schutzanzügen, abgesperrte Regionen, in die niemand mehr hinein oder heraussollte. Bilder von überfüllten Krankenhausfluren in Madrid. Die Lastwagen des italienischen Militärs in Bergamo, die in langen Kolonnen Leichen abtransportierten. Massengräber auf einer Insel vor New York oder in Brasilien.
Tausende Passagiere unter Quarantäne
Dazu die Ungewissheit, wie schnell sich das Virus ausbreitete, wie tödlich es wahr – und die Aussicht, dass es wohl Jahre dauern würde, einen Impfstoff zu entwickeln.
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Ausgerechnet beim Passagier, der von Bord ging, wurde es nachgewiesen. Das große Schiff war weitergefahren und nach Häfen in Thailand, Vietnam und Taiwan in Yokohama angekommen. Mitarbeiter des Nationalen Institut für Infektionskrankheiten kamen an Bord und stellten fest, dass sich mindestens zehn Passagiere mit Corona infiziert hatten. Nun verhängten die Behörden strengste Quarantäne – und die Welt wurde Zeuge eines Dramas.
3711 Passagiere und Crewmitglieder befanden sich auf dem Kreuzfahrtschiff und wurden gewissermaßen in Isolationshaft auf See genommen. Doch es gab keinen Notfallplan, wie man mit einer solchen neuen Lage umgehen sollte. Erkrankte und Gesunde wurden nicht voneinander getrennt, es gab keine entkontaminierten Bereiche, nicht mal Atemschutzmasken und insgesamt wenig Schutz vor diesem tückischen Virus.
Ein Kapitän wird zum Helden
In den Sozialen Medien verbreiteten sich Videos von Passagieren, die in Innenkabinen ein wahres Martyrium erlebten. David Fishman, Epidemiologe an der Universität von Toronto, sprach davon, dass die Behörden eine „in einem Container zusammengepferchte Menschenmenge mit einem hochvirulenten Erreger eingesperrt“ hatten.
Inmitten dieses Albtraums an Bord eines Traumschiffs wurde der Kapitän zum Helden: Gennaro Arma, Jahrgang 1975, aus Sant'Agnello, einem Dorf südlich von Neapel.
Er behielt inmitten des Chaos nicht nur die Nerven, sondern beruhigte die Eingeschlossenen. Er wurde eine Art Gruppentherapeut auf der Brücke. Am Valentinstag ließ er Blumen und Schokolade verteilen und zitierte über die Kraft der Liebe aus einem Brief des christlichen Missionars Paulus an die Korinther. Immer wieder meldete er sich über Lautsprecher und machte Mut.
„Wenn wir als Familie zusammenstehen, bringen wir diese Reise erfolgreich zu Ende““, sagte er. Und: „Die Welt schaut auf uns. Das ist ein weiterer Grund für uns alle, Stärke zu zeigen.“
Vor jeder Mittagsmahlzeit wünschte der Italiener in Arma – in diesem Punkt möchte man „Klischee Ahoi“ rufen – den Passagieren „Buon appetito“. Seine Crew nannte er voller Pathos „meine Gladiatoren“. Auf Twitter kursierten Fotos von bunt bemalten Plakaten, die der Kapitän in Anspielung auf den Namen seines Schiffes verteilen ließ: „Ein Diamant ist ein Stück Kohle, das mit Druck gut umging.“ Das klang auch ein klein wenig nach Motivationscoach, funktionierte aber.
Nie die Zuversicht verlieren
Während es auf der „Princess Diamond“ darum ging, dass inmitten dieses Drucks niemand durchdrehte, sah es auch in Italien wenig anders aus. Das Land durchlitt in einen rigiden Lockdown, in dem Menschen wochenlang in ihren Wohnungen zubrachten. Der Kapitän wurde mit seinem Verhalten zum Vorbild in einer Zeit, in der andere haderten, verzagten und Dosenravioli palettenweise horteten.
Italiens Medien feierten ihn, und sogar der Außenminister lobte den Seemann mit blumigen Worten. In der Corona-Zeit wurden noch mehrere Kreuzfahrtschiffe zu schwimmenden Krankenstationen, doch keines traf es so hart wie die „Diamond Princess“.
Als Kapitän Arma von Bord ging, hatten sich Tragödien auf seinem Schiff abgespielt. Nahezu jeder Fünfte war infiziert oder erkrankt, insgesamt 705 Menschen. Sechs Erkrankte überlebten die Virusinfektion nicht. Wie viele Arma aber mit seinem unerschütterlichen Optimismus davor bewahrte, die Nerven zu verlieren? Wie viele Leben er rettete, weil Menschen nicht die Zuversicht verloren?
Kapitän Arma verließ als Letzter sein Schiff. Er trug dabei seine beste Uniform...
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